Christian Galarreta/Peru

The void behind the football party

Ich habe nichts dagegen, dass aus jedem Fußballspiel eine einzige große Show gemacht wird. Aber ich bin auch nicht dafür. Ich mache lediglich die Beobachtung, dass einige menschliche Manifestationen, deren Tradition bis in die Antike zurückreicht, in letzter Zeit Opfer einer Medienmanipulation geworden sind, durch die sie ihren intimen, direkten und substanziellen Charakter verloren haben und zu einem Vorwand für Konsumpropaganda verkommen sind. Im Namen kommerzieller Interessen fungieren sie als immer wiederkehrende Lektionen und angepasste Botschaften. Äußerlich werden sie angepasst an den jeweiligen Kontext, in dem sie konsumiert werden sollen.

Vielleicht ist das der Grund, weshalb ich versucht habe, ein möglichst transparentes Hörstück zu komponieren, ohne jegliche emotionale und kulturelle Anbindung. Ich wollte ein nicht globalisiertes Stück schaffen, das dennoch deutlich meine Handschrift trägt.

Da nichts wirklich für oder gegen „Fußball als Show“ spricht, dachte ich, es könnte interessant sein, die Fußballstatistiken im Internet näher zu betrachten, sprich die Anzahl der Spiele. Dahinter stand die Idee, diese Zahlen als Parameter für die Entwicklung einer Komposition zu verwenden. Zunächst hatte ich vor, von der Spielzahl der diesjährigen Weltmeisterschaft auszugehen, griff dann aber auf die Tabellen des letzten Worldcups 2002 in Korea/Japan zurück, weil die Komposition rechtzeitig vor Beginn der Spiele fertig sein musste. Dabei setzte ich für jedes klassifizierte Spiel ein Synthese-Audiomodul. Wir gehen von 32 Modulen mit derselben Konfiguration aus. (Ich habe drei verschiedene Arten Konfigurations-Prototypen hergestellt und noch nicht entschieden, welchen oder ob ich überhaupt einen davon verwenden werde.) Jedes Modul/Team wird von den Angriffs-, Verteidigungs- und Strafstatistiktabellen beeinflusst, die auf der Website der letzten Weltmeisterschaft aufgeführt sind. Die Tabellen werden simultan gelesen, Spalte für Spalte, zwölf Mal, das ist die höchste Spaltenzahl pro Tabelle. Abhängig von dem Prototyp der verwendeten Konfiguration wird diese für jedes Modul in graduell verschiedene Tonlagen, Klangfarben, Schwingungsfrequenzen und –tiefen übersetzt.

Das Ergebnis ist eine Verbindung von Tonlagen mit variierenden Frequenzen, die punktuell durch unerwartete Attacken unterbrochen und bisweilen von extremen Phasen des Stillstands durchzogen ist, was jedoch zu fruchtbaren harmonischen Ergebnissen führt. Die Wechsel vollziehen sich simultan, weil die Zahlen aus den Tabellen bereits feststehen. Für die Zukunft stelle ich mir vor, das Projekt mit einer dynamischen Datenbank in Echtzeit durchzuführen, wo der Parameter eines jeden Moduls zu bestimmten Zeitpunkten und in bestimmten Zeitabschnitten wechseln würde, die sich durch die jeweiligen Spiele und ihre Spielereignisse wie Tore, Spielzüge, Ecken, Freistöße, Fouls und so weiter (die Daten, die ich für die Tabellen benutzt habe) ergeben. Die Tabellen würden bei jedem Spiel gelesen und immer dann stagnieren, wenn keine Mannschaft spielt. Das Ergebnis wäre eine Art Installation mit einem extrem statischen Sound in Zeiten ohne Spiele, der extrem aktiv wird, sobald ein Spiel beginnt.

Christian Galarreta Pando ist Musiker und Digitalkünstler. Sein Hauptinteresse gilt der Computermusik und der Entwicklung generativer Systeme. Bereits in jungen Jahren hat Galarreta mit seiner musikalischen Ausbildung begonnen (Gitarre, Klavier, Gesang etc.). Von 1995 bis 1996 besuchte er zwei Klavierklassen am Konservatorium von Lima, bevor er 1999 ein Studium der digitalen Elektronik am SISE aufnahm, wo er sich mit verschiedenen Programmiersprachen und elektronischer Schaltungstechnik beschäftigte. Seit 1995 experimentiert er regelmäßig mit Soundtechniken in diversen Tonstudios. Als Produzent mehrerer Platten hat er sich durch die Entwicklung einer Noise-Ästhetik, die Herstellung von Klanginstrumenten sowie den kreativen Einsatz von Softwarefehlern einen Namen gemacht. Mitte der Neunziger stieß er zu der Gruppe Evamuss, einem alternativen Projekt für elektronische Experimentalmusik, und gründete Aloardi, ein unabhängiges südamerikanisches Label für experimentelle Musik. Parallel dazu startete er Atataw, ein Online-Radioprogramm für experimentellen Sound, sowie Alonet, einen kostenlosen Musikverteiler im Internet. Galarreta ist Mitorganisator des VAE-Festivals (im Bereich Musik), eines der wichtigsten Festivals für elektronische Kunst in Lateinamerika.

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