78 rpm
1978 richtete Argentinien die Fußballweltmeisterschaft aus. Erst zwei Jahre zuvor war die demokratische Regierung mit Unterstützung großer Teile der Gesellschaft durch das Militärregime gestürzt worden, das 1976-1983 herrschte. Damals wurden Tausende unrechtmäßig gefangen gehalten, viele gefoltert und ermordet. Das Land war zerrissen zwischen bewaffnetem Widerstand, Exil, Angst und Staatsterrorismus. Vor diesem Hintergrund wurde die Weltmeisterschaft zu einem Ereignis, das viele Widersprüche in der Gesellschaft aufdeckte. Einerseits war sie ein ganz offensichtlich demagogisches, von der Militärregierung mit Schützenhilfe der Medien inszeniertes Manöver, um von den Menschenrechtsverletzungen abzulenken, welche von einer internationalen Kommission untersucht wurden. Andererseits waren die Stadien zum Bersten voll und es wurde tagelang in den Straßen gefeiert, als Argentinien die Meisterschaft gewann. Obendrein war die Weltmeisterschaft das erste Programm in Argentinien, das in Farbe ausgestrahlt wurde ...
Im Hörfunk war José María Muñoz damals zweifellos die populärste Stimme im großen Chor der Fußballreporter. Kurz nach der Weltmeisterschaft kam eine LP heraus, die neben allen argentinischen Toren, kommentiert von Muñoz, zwei Kompositionen enthielt, nämlich Ennio Morricones offizielle Musik zur 1978er WM und ein Stück des argentinischen Gitarristen Horacio Malvicino. 78 rpm basiert auf diesem Material und weiteren Muñoz-Kommentaren zu den WM-Spielen aus den Archiven der von Eduardo Aliverti geleiteten Hörfunk-Fachschule ETER. Diese zusätzlichen Aufnahmen wurden sorgfältig aus Kommentaren ausgewählt, die sehr subtil die politische Intoleranz jener Zeit enthüllen. Dieser historische Hintergrund bildet in dem Stück den Rahmen, in der Muñoz’ unverwechselbare Stimme mit Radiowerbespots und Musik der späten Siebziger so verschmilzt, dass die Erinnerungen an Schrecken und Jubel jener Zeit ein endloses Match zwischen Scham und Stolz, Vergangenheit und Zukunft spielen.
78 rpm ist Teil der Aktivitäten des Forschungsprojekts PAIS (Proyecto Arte In Situ – Projektkunst vor Ort, Forschungsprogramm für akustisches Theater der Universidad de Quilmes).
Nicolás Varchausky (geb. 1973 in Buenos Aires) verleiht seinen elektroakustischen Experimentalkompositionen einen ungewöhnlichen, leichten „Tango-Groove“ und prägt sie mit seiner Obsession für Straßengeräusche und öffentliche Räume. Herkömmliche Konzertsäle meidet er seinen musikalischen Ideen entsprechend fast völlig und zieht unkonventionelle Orte wie Aluminiumfabriken, Aufzüge in öffentlichen Gebäuden oder öffentliche Orte wie den Torre Monumental, einen Glockenturm auf dem Platz des Retiro-Hauptbahnhofs in Buenos Aires, vor. Sein jüngstes Projekt entsteht in Kooperation mit dem bildenden Künstler Eduardo Molinari; die Ton- und Bildintervention auf dem Recoleta-Friedhof wurde vom V. Festival Internacional de Buenos Aires in Auftrag gegeben.
Varchausky komponiert nicht nur Experimentalmusik, sondern spielt auch elektrische und klassische Gitarre; bei vielen unterschiedlichen, von ihm selbst initiierten Projekten fungiert er auch als Ausführender und Arrangeur.
Er ist Mitglied des Ensamble Nacional del Sur (ENS), einer avantgardistischen „Live-Musik-Labor“-Formation um den bekannten argentinischen Komponisten Oscar Edelstein, in der er elektrische und präparierte Gitarre spielt und an deren Kompositionen er mitwirkt.
Er komponiert in Buenos Aires auch regelmäßig für das Theater, vor allem für Stücke von Jungautoren und –regisseuren wie Rafael Spregelburd, Federico León, Alejandro Tantanián und Javier Daulte.
Varchausky hat elektroakustische Komposition an der Universidad de Quilmes studiert und lehrt heute dort in diesem Fach; zudem unterrichtet er Sounddesign an der Universidad de Buenos Aires. Zurzeit leitet er das Forschungsprojekt akustisches Theater PAIS an der Universidad de Quilmes mit Schwerpunkt auf den musikalischen Beziehungen zwischen Raum, Klang und Sprache.
1978 richtete Argentinien die Fußballweltmeisterschaft aus. Erst zwei Jahre zuvor war die demokratische Regierung mit Unterstützung großer Teile der Gesellschaft durch das Militärregime gestürzt worden, das 1976-1983 herrschte. Damals wurden Tausende unrechtmäßig gefangen gehalten, viele gefoltert und ermordet. Das Land war zerrissen zwischen bewaffnetem Widerstand, Exil, Angst und Staatsterrorismus. Vor diesem Hintergrund wurde die Weltmeisterschaft zu einem Ereignis, das viele Widersprüche in der Gesellschaft aufdeckte. Einerseits war sie ein ganz offensichtlich demagogisches, von der Militärregierung mit Schützenhilfe der Medien inszeniertes Manöver, um von den Menschenrechtsverletzungen abzulenken, welche von einer internationalen Kommission untersucht wurden. Andererseits waren die Stadien zum Bersten voll und es wurde tagelang in den Straßen gefeiert, als Argentinien die Meisterschaft gewann. Obendrein war die Weltmeisterschaft das erste Programm in Argentinien, das in Farbe ausgestrahlt wurde ...
Im Hörfunk war José María Muñoz damals zweifellos die populärste Stimme im großen Chor der Fußballreporter. Kurz nach der Weltmeisterschaft kam eine LP heraus, die neben allen argentinischen Toren, kommentiert von Muñoz, zwei Kompositionen enthielt, nämlich Ennio Morricones offizielle Musik zur 1978er WM und ein Stück des argentinischen Gitarristen Horacio Malvicino. 78 rpm basiert auf diesem Material und weiteren Muñoz-Kommentaren zu den WM-Spielen aus den Archiven der von Eduardo Aliverti geleiteten Hörfunk-Fachschule ETER. Diese zusätzlichen Aufnahmen wurden sorgfältig aus Kommentaren ausgewählt, die sehr subtil die politische Intoleranz jener Zeit enthüllen. Dieser historische Hintergrund bildet in dem Stück den Rahmen, in der Muñoz’ unverwechselbare Stimme mit Radiowerbespots und Musik der späten Siebziger so verschmilzt, dass die Erinnerungen an Schrecken und Jubel jener Zeit ein endloses Match zwischen Scham und Stolz, Vergangenheit und Zukunft spielen.
78 rpm ist Teil der Aktivitäten des Forschungsprojekts PAIS (Proyecto Arte In Situ – Projektkunst vor Ort, Forschungsprogramm für akustisches Theater der Universidad de Quilmes).
Nicolás Varchausky (geb. 1973 in Buenos Aires) verleiht seinen elektroakustischen Experimentalkompositionen einen ungewöhnlichen, leichten „Tango-Groove“ und prägt sie mit seiner Obsession für Straßengeräusche und öffentliche Räume. Herkömmliche Konzertsäle meidet er seinen musikalischen Ideen entsprechend fast völlig und zieht unkonventionelle Orte wie Aluminiumfabriken, Aufzüge in öffentlichen Gebäuden oder öffentliche Orte wie den Torre Monumental, einen Glockenturm auf dem Platz des Retiro-Hauptbahnhofs in Buenos Aires, vor. Sein jüngstes Projekt entsteht in Kooperation mit dem bildenden Künstler Eduardo Molinari; die Ton- und Bildintervention auf dem Recoleta-Friedhof wurde vom V. Festival Internacional de Buenos Aires in Auftrag gegeben.
Varchausky komponiert nicht nur Experimentalmusik, sondern spielt auch elektrische und klassische Gitarre; bei vielen unterschiedlichen, von ihm selbst initiierten Projekten fungiert er auch als Ausführender und Arrangeur.
Er ist Mitglied des Ensamble Nacional del Sur (ENS), einer avantgardistischen „Live-Musik-Labor“-Formation um den bekannten argentinischen Komponisten Oscar Edelstein, in der er elektrische und präparierte Gitarre spielt und an deren Kompositionen er mitwirkt.
Er komponiert in Buenos Aires auch regelmäßig für das Theater, vor allem für Stücke von Jungautoren und –regisseuren wie Rafael Spregelburd, Federico León, Alejandro Tantanián und Javier Daulte.
Varchausky hat elektroakustische Komposition an der Universidad de Quilmes studiert und lehrt heute dort in diesem Fach; zudem unterrichtet er Sounddesign an der Universidad de Buenos Aires. Zurzeit leitet er das Forschungsprojekt akustisches Theater PAIS an der Universidad de Quilmes mit Schwerpunkt auf den musikalischen Beziehungen zwischen Raum, Klang und Sprache.
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